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Die Jugendliebe der Mutter ist die große Liebe der Tochter
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Max Frisch ist eigentlich Schullektüre - also kann dabei nur eine langweilige, ernsthafte Literaturverfilmung herauskommen, oder??? Stimmt nicht !!! Die Geschichte des rationalen, naturwissenschaftlich denkenden Helden, den eine Kette von Zufällen zu einem anderen Menschen macht ist von exzellenten Schauspielern in schönen Bildern spannend erzählt. Volker Schlöndorff hat für seine Literaturverfilmung größtenteils amerikanische Schauspieler in Europa versammelt. Ein spannender Kontrast ! Der Publikumserfolg des Kinofilms blieb 1991 dennoch aus. Warum ? Das Prädikat "anspruchsvoll" verhinderte wiedermal den Zuspruch der breiten Masse ...
Nun, wovon handelt der Film: Ingenieur Walter Faber (Sam Sheppard) ist ein äußerst rationaler Mensch. Alles ist vorherbestimmt, den Zufall gibt es nicht in seiner Welt. Als er sich gegen seine Intuition nach dem letzten Aufruf in ein Flugzeug setzt, will er "nur" von Amerika nach Athen. Allerdings verläuft die Reise nicht wie geplant. Die Maschine muss in Südamerika notlanden, an eine Weiterreise ist zunächst nicht zu denken. Doch Faber läßt dieser "Flugzeugabsturz" mit anschließender Notlandung in der Wüste Mexikos zunächst völlig kalt. So kommt er ins Gespräch mit Herbert Hencke (Dieter Kirchlehner). Der ist auf dem Weg zu seinem Bruder Joachim (August Zirner), ausgerechnet ein ehemaliger Studienfreund Fabers. Zufall?
Joachim war mit Hanna (Barbara Sukowa) verheiratet, der Jugendliebe Fabers. Es kam vor 20 Jahren zur Trennung, als Hanna ein Kind von ihm erwartete und Faber noch nicht reif genug war zum Heiraten. Nun ist die Erinnerung wieder wach. Das Wiedersehen mit Joachim gestaltet sich jedoch völlig anders als erwartet. Zufall ? Nach einem kurzen Zwischenstop in New York flieht Faber vor einer lästigen Geliebten zufällig auf ein Schiff nach Athen. Dort verliebt er sich heftig in die 20 Jahre jüngere Sabeth (Julie Delpy), die ihn sehr an seine Jugendliebe Hanna erinnert. "Was mich am meisten freute war ihre Freude." Erst viel zu spät merkt Faber, dass es sich bei dem Mädchen um seine Tochter handelt...
Die Verkettung von Zufällen, die Faber zum Schicksal werden bringen sein streng rationales und berechenbares Wltbild ins Wanken. Er wird ein neuer Mensch. Ein Mensch, der seinem Schicksal nicht entgehen kann und diesem nahezu hilflos ausgeliefert ist. Auch der Tod ist ein mächtiger Gegenspieler, den er nicht besiegen kann. Das wird beeindruckend von Sam Shepard dargestellt. Auch das Wortspiel mit seinem Namen finde ich sehr aufschlußreich. Sabeth nennt ihre große Liebe nicht Walter, sondern nur "Faber". Das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Macher, jemand der sein Schicksal selbst bestimmt. Und Sabeth`s Mutter Hanna ist von Beruf Archäologin. Als solche kleistert sie die Vergangenheit zusammen ...
An die Schullektüre kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Aber der Film war absolut sehenswert, wichtig und trotzdem unterhaltend und spannend. Zudem macht der Film Lust darauf, den alten Max Frisch noch einmal in die Hand zu nehmen.
Eine Rezension von Dr. Ursula Kempf > Düsseldorf
vom 5. Juni 2010 | | | | | | | |
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