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Warum sich die Sonne um die Erde dreht
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Wenn man Bertolt Brechts "Leben des Galilei" liest oder im Theater sieht, dann ist dies auch und vor allem eine Geschichte über die Entstehung des Werkes in einer sich dramatisch verändernden Welt: So begann Brecht das Werk im dänischen Exil, zu einer Zeit als die Nazis in Deutschland an der Macht waren, aber noch kein Zweiter Weltkrieg herrschte. Die Uraufführung erfolgte 1943 zu einem Zeitpunkt, als der Zweite Weltkrieg in seine schlimmste Phase eintrat, deutsche Truppen fast überall in Europa standen und der Holocaust tobte. Brecht überarbeitete "Galilei" im amerikanischen Exil - jetzt hatte Nazi-Deutschland den Krieg verloren und die Amerikaner auf Japan zwei Atombomben abgeworfen, die Frage nach der Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers definierte sich völlig neu. Schließlich musste / wollte Brecht Amerika verlassen, siedelte in die DDR über und wurde dort zum gefeierten Staatsschriftsteller. Vor diesem Hintergrund erklären sich die zentralen Fragestellungen des Stückes: Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, Verantwortung des Wissenschaftlers, Vorherrschaft von Ideologien, Umgang mit Abweichlern / Ketzern. Aus dieser Suppe rührt Brecht eine spannende Bühnengeschichte, die seinem Anspruch des "epischen Theaters" nicht immer gerecht wird: so hat er einen positiven Helden, der zwar gebrochen durch gegenläufige Handlungen und Personen wird, aber doch recht zum Identifizieren taugt. Galilei behauptet nichts Neues - die Erschütterung des heliozentrischen Weltbildes, das die katholische Kirche vertritt, hatte bereits Kopernikus vorgenommen. Aber Galilei beweist dieses kopernikanische System durch schlichtes Beobachten des Sternenhimmels mit einem Fernrohr. Und hier finden wir auch die stärksten Stellen des Stückes, wenn sich die Kirchenvertreter weigern, durch das Fernrohr zu schauen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dementsprechend wird die Wahrheit, die Galilei sieht und vertritt, zur Ketzerei erklärt. Ebenso interessant die Entscheidung Galileis nicht zu seiner Meinung und zu seinem Wissen zu stehen, sondern vorgeblich zu widerrufen. Laut Brecht ("Maßnahmen gegen die Gewalt") ist dies eine besonders kluge, dialektische Leistung, weil die Gewalt (Inquisition) so besiegt und die Wahrheit trotzdem weiter vertreten werden kann. So bleibt Brechts "Leben des Galilei" vor allem ein Ideenstück, das aber durch die Figurenkonstellation (Adel, Kirchenvertreter einerseits, gegen das Bürgertum und die einfachen Leute andererseits), durch die Kontroversen dieser Figuren, wenn sie aufeinanderprallen, auch unterhaltsame, vergnügliche und spannende Szenen bietet. Die vorliegende Ausgabe ist vor allem deshalb zu empfehlen, weil sie im Anhang ausführlich die Entstehungsgeschichte, die Geschichte der verschiedenen Inszenierungen, ausgewählte Interpretationen und vor allem einen Wort- und Sacherklärungsapparat bietet.
Eine Rezension von Haardtattack "Nur Bücher" > Pfalz
vom 9. April 2009 |